Heinrich Krobbach und Bücher
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Heinrich Krobbach

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Cornelia Härtl

Cornelia Härtl: Über allem leuchtet ein Stern

Es ist Heiligabend und eigentlich will Elisabeth Mosler ihren Gasthof „Zum goldenen Stern“ abschließen, denn Gäste bevorzugen nun das neue Luxushotel „Grand Hotel Bergschloss“. Doch plötzlich taucht der alleinerziehende Anwalt Karlheinz Clausing mit seiner 17jährigen, pubertär schlecht gelaunten Tochter Annika auf, der den goldenen Stern in einem 10 Jahre alten Reiseführer gefunden hat. Dann streift ein Postauto den Wegweiser an der Hauptstraße, so dass alle, die zum Luxushotel wollen nun auch ihr landen. Ein Schneesturm, eine Lawine, kein Handyempfang und Ausfall des Festnetzes tun ihr übriges. Die gemütliche Gaststube ist bald von der Lehrerin Juliane Fritz und ihrer unleidlichen Mutter Luise, von dem lesbischen Paar Hanna Brandt und Roswitha Obermeier, von Sophie und Bernhard von Otter (beruflich aus der Medien- und Beratungsszene), von den sechsjährigen Zwillingen Lioba und Gustav mit ihrer Gouvernante Kordula Strothoff sowie vom prominenten, aber auf dem absteigenden Ast befindlichen Starkoch Marc-Oliver Brettschneider bevölkert. Glücklicherweise trifft überraschend Elisabeths Enkel Moritz mit umfangreichen Essensbeständen ein. Das Münchener Restaurant, in welchem er arbeitet, musste wegen Wasserrohrbruch schließen. So ist für das leibliche Wohl der weihnachtlichen Zwangsgemeinschaft gesorgt, was aber ist mit dem seelischen Empfinden?

In der Ausnahmesituation drängen sie an die Oberfläche – die „Päckchen, die alle mit sich schleppen“ – die Verlustangst der Mutter Luise hinter ihrer Feindseligkeit – das Kinderwunschthema von Sophie und Bernhard – das Problem, sich zur Beziehung zu bekennen, bei Hanna und Roswitha – Annikas Wunsch, ihr Vater möge die Mutter zurück gewinnen usw. Offen gesagt, es klingt etwas nach Küchenpsychologie und klischeehaften Lebensthemen. Aber dennoch – durch die einfühlsam und farbig gezeichneten Figuren, die sich letztendlich als tolerant und offen für andere Perspektiven erweisen, gelingt es Cornelia Härtl, eine positive und optimistische Grundstimmung zu erzeugen. Dazu kommt noch die verwunschen-weiße-Winter-Weihnacht-Stimmung, die den Gasthof wie die Handlung umhüllt. So habe ich es gern als modernes Weihnachtsmärchen gelesen.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2021
Seiten: 288
Rezension von HK am 22.11.2021

Martin Mosebach

Martin Mosebach: Krass

Der schwerreiche Waffenhändler Ralph Krass hält Hof in Neapel. Er hat eine kleine Gruppe von Menschen (vorwiegend mit finanzieller Großzügigkeit) um sich geschart, mit denen er Besichtigungen vornimmt, überwiegend aber in Cafés oder Restaurants sitzt. Organisieren muss dies alles der Dr. Matthias Jüngel, sowas wie ein persönlicher Referent. Als zufällig Lidewine Schoonemaker, die Assistentin eines Zauberers, dessen Vorstellung besucht wurde, in einem Café auftaucht, erweckt sie das Interesse von Krass, der ihr durch Jüngel einen Vertrag unterbreitet, gegen großzügige Entschädigung bei Auflage keinerlei erotischer Aktivitäten (auch nicht mit Krass selbst) Teil dieses „Hofstaats“ zu werden. Angesichts der Unbekümmertheit Lidewines einerseits und der undurchschaubaren Launen des Autokraten Krass andererseits muss dies schiefgehen. Damit endet der erste Teil des Romans; der zweite handelt von Jüngels Aufenthalt in Frankreich. Mittellos haust er in einer von Freunden überlassenen Ferienwohnung, lernt in einer Kneipe den im Kloster wohnenden Schuster Adam Desfosses kennen und unternimmt mit ihm eine sonntägliche Kneipentour, die im Straßengraben endet. Ein telefonischer Versuch, von Krass Unterstützung zu erhalten, endet mit dessen Rat, er möge Selbstvertrauen entwickeln. Im dritten Teil kreuzen sich die Wege von Krass, Jüngel und Schoonemaker zwanzig Jahre später nochmals in Kairo. Krass muss ein geplatztes Waffengeschäft verkraften, Jüngel ist inzwischen Professor für Urbanistik und hält ein Gastsemester in Kairo, Lidewine ist Kunstagentin und will eine Galerie eröffnen. Lidewine und Jüngel logieren zufällig im gleichen Hotel. Auf Krass stoßen sie durch den exzentrischen Rechtsanwalt Mohamed, der Krass als seinen Vater „adoptiert“ hat.

Wer sprachlich feinfühlige, blumige Beschreibungen liebt und Lust am Fabulieren hat, kommt bei Martin Mosebach voll auf seine/ihre Kosten. Wer also damit klarkommt, dass ein sinnhafter Handlungsbogen unterwegs abhandenkommt, dass die Figuren Lidewine Schoonemaker und Matthias Jüngel wenig Innenleben besitzen und dass das Psychogram von Ralph Krass geradeso an der Mystifizierung eines Herrenmenschen vorbei schrammt, kann sich in vielen sprachlich opulent ausstaffierten Szenerien und Geschichten verlieren.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Rowohlt, Hamburg
Jahr: 2021
Seiten: 528
Rezension von HK am 01.11.2021

Nona Fernández

Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Die Geschwister Rucia und Indio wachsen wohlbehütet von Mutter, Vater (der ein grandioser Geschichtenerzähler ist) und Großmutter in Santiago de Chile auf. Bis eines nachts der Vater „abgeholt“ wird (es dürfte die Zeit der Pinochet-Diktatur sein) und die Mutter mit den beiden Kinder Hals über Kopf ins Ausland flieht. Jahre vergehen und die Fragen der Kinder nach dem Schicksal ihres Vaters werden drängender. Dann stirbt die Mutter bei einem Unfall des von Indio gesteuerten Autos. Indio und Rucia überleben schwer verletzt. Indio kehrt nach Chile zurück, bittet dann aber seine Schwester nachzukommen. Nun sucht sie im alten Stadtviertel La Chimba nach Indio und Antworten aus der Vergangenheit, findet ihr verlassenes Elternhaus und schließlich den mysteriösen alten Mann Fausto, der ein Beileidstelegramm erhält und sich umbringen will.

In etwa bis dahin gelingt es, der verwobenen Geschichte, den Rückblenden, den Einschüben zur Geschichte Chiles von der Kolonialisierung bis zu den Gräueln der Pinochet-Diktatur zu folgen. Mehr und mehr erscheinen die Szenen in flirrendem Licht, das die Unterscheidung zwischen Traum (Wahn?) und Wirklichkeit verwischt, wiederholen sich aus anderer Perspektive – „man sagt, dass…“, aber „andere sagen, dass…“ (es anders war). Sind Tote wirklich tot und Lebende wirklich (noch) lebend? Diese Geschichte von Traumatisierten wird mit einer Sprachgewalt, die unter die Haut geht, die verletzt und schmerzt, erzählt. Ein poetisches Manifest der Todessehnsucht angesichts der tödlichen Welt. Bei aller sprachlichen Bewunderung war mir dies dann doch zu viel Abgrund.

Land: Chile
Genre: Roman
Verlag: Septime Verlag, Wien
Jahr: 2012
Seiten: 256
Rezension von HK am 23.10.2021

Anna Weidenholzer

Anna Weidenholzer: Finde einem Schwan ein Boot

Peter und Elisabeth sind mit dem gegenüber wohnenden Ehepaar Heinz und Karla (die sich gegenseitig mit dem Nachnamen Novak ansprechen und ein Chinchilla halten) befreundet. Man besucht sich gegenseitig, hilft sich auch beim Aufbau eines Regals und besucht gemeinsam das Café von Maria. Dies abends, weshalb sie die mysteriöse „Professorin“, die Sherry trinkt und schweigt oder über psychologische Experimente zu kognitiven Fehlleistungen referiert, erst dann zu Gesicht bekommen, als diese plötzlich länger bleibt. Wenn sie kommt, komplimentiert Maria den dementen Fleck (Nachbar von Peter und Elisabeth, der über ihnen wohnt und ins Treppenhaus pinkelt) vorher hinaus. Peters Schwester Magda, die sich von ihrem Mann Stefan getrennt hat, spekuliert auf Flecks Wohnung, wenn dieser ins Altersheim käme. Aber Heinz und Karla können Magda nicht leiden. Dann gibt es noch Frau Richter, die in Blockwartin-Manier alles überwacht. Die Themen: Heinz ist ein schlechter Versicherungsvertreter und findet einen neuen Job als Sicherheitswache-Mitarbeiter. Peter bekommt eine Festanstellung als Journalist und schreibt nun über Politik, allerdings in eine Richtung, die Elisabeth missfällt.

Erzählt wird die Geschichte von Elisabeth, die nachts wach liegend an alle die Ereignisse denkt, während Peter fest schläft. Diese Kapitel, die mit der nächtlichen Uhrzeit überschrieben sind, werden von Kapiteln abgelöst, die mit dem Satz „Was dieses Zuhause ist…“ beginnen. Das hat etwas Wehmütiges, Vergehendes – und auch Poetisches, wie auch die sorgsam gezeichneten Szenen – sprachlich also sehr dicht. Andererseits wirken die Ereignisse und Gespräche oft konstruiert, befremdlich, aneinander vorbei und abgehackt. Ich dachte öfter – so redet man doch nicht miteinander. Vielleicht soll’s ein Changieren zwischen Wirklichkeit und Gedankenwelt sein. Aber es passiert auch so richtig nichts – im Sinne eines Handlungsbogens. War ein Überbleibsel der Buchmesse 2019. Hat mich leider nicht angesprochen. Ach ja, der Titel findet sich im Buch als Metapher, was die Stimmung aber auch nicht hebt.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin
Jahr: 2019
Seiten: 212
Rezension von HK am 17.10.2021

Simon Urban

Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Justus Hartmann schreibt aus der Gefängniszelle an seinen Verleger und berichtet, dass die Initiative seines Anwalts vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgelehnt wurde und nun in Kürze seine Hinrichtung stattfinden werde, und gibt dem Verleger noch Empfehlungen zur Publikation seines Manuskriptes. Das enthält die Lebensgeschichte Hartmanns. Seine Eltern lebten finanziell abhängig im Haus der Großmutter, einer bösartigen und herrschsüchtigen Frau, die besonders ihre Schwiegertochter (Hartmanns Mutter) quälte, ohne dass Hartmanns Vater dem etwas entgegensetzen konnte. J. Hartmann erste Auseinandersetzung mit dem Thema Gerechtigkeit – er verurteilt seine Großmutter in einem heimlich in seiner Fantasie inszenierten Prozess zum Tode. Später beginnt der überdurchschnittlich begabte Einzelgänger ein Jurastudium in Freiburg. Als dort die neue Professorin Meta Formella demonstrativ im Strafrecht den Schwerpunkt auf Resozialisierung (statt Bestrafung) legt, regt sich sein Widerstand. Sein „inoffizielles Strafrecht“, das er zusammen mit seiner Kommilitonin Sandra (mit der er eine seltsame Abstoßungs-Erregungs-Liebesbeziehung führt) entwickelt, stellt die Bestrafung des Täters zur Befriedigung der Opfer in den Mittelpunkt. In seiner Dankesrede zur Gewährung eines Stipendiums durch einen Rüstungskonzern konfrontiert er die Professorin und provoziert einen Eklat. Danach bricht er das Studium ab, reist er nach Papa Neuguinea und arbeitet auf einem Fischkutter. Nachdem ein Vulkanausbruch Rabaul, die Hauptstadt der Insel New Britain, zerstörte, siedelte er nach Singapur um (finanziell nicht unversorgt – er bezieht weiterhin das Stipendium) und arbeitet an seiner globalen Strafrechtsordnung. Er lernt dort den Deutschen Rufus Hundertmorgen kennen, ein Mensch mit einem Blick auf die Welt, „der gänzlich ohne Moral, Idealismus, Mitleid oder Hoffnung auskam“. Der präsentiert ihm die junge Hazel Barnier, die von dem skrupellosen Verführer Wong Lin Malevich (wie viele andere Frauen auch) mit HIV infiziert wurde. Der Täter musste vom Gericht freigesprochen werden, da ihm nicht nachzuweisen war, dass er von seiner Infizierung wusste. Hartmann inszeniert für Hazel und ihre Familie einen erneuten Prozess, der mit dem Todesurteil für Malevich endet. Nun stellt sich die Frage, ob dies auch – und durch wen – ausgeführt werden muss.

Die Causa Hazel – Malevich ist nicht der einzige Rechtsfall in diesem Roman, der das „gesunde Rechtsempfinden“ in Stellung bringt gegen rechtsstaatliche Normen und Verfahren. Das Leben, Denken und Handeln Hartmanns ist ein einziger Kreuzzug gegen ein humanes Strafrecht, das Befriedung in den Mittelpunkt stellt, zugunsten vorzivilisatorischer (Rache-)Befriedigungskonzepten. Die Figur des Protagonisten wird in diesem Roman sehr stimmig als genauso monströs beschrieben, wie sein Rechtssystem es wäre. Kompliment an den Autor! Es gehört schon einige Schreibkunst dazu, die Leser:innen über 500 Seiten einem Protagonisten folgen zu lassen, der sich als ein dermaßen asoziales, überhebliches und zum Teil faschistoides Arschloch präsentiert. Die Spannung und Qualität liegt tatsächlich in den gut und farbig in Szene gesetzten zahlreichen Verästelungen des Romans (der oben beschriebene Inhalt gibt nur ein dürres Gerüst der Handlung wieder). Das Thema selbst müsste für human denkende und aufgeklärte Menschen nach 5 Minuten durch sein.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln
Jahr: 2021
Seiten: 544
Rezension von HK am 14.10.2021