Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

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Uwe K. Alexi

Uwe K. Alexi: Blut und Rache

Der wegen Mordes an einem Neonazi verurteilte Luka Basler kommt nach verbüßter Haft frei und wird von seinem Bewährungshelfer im beschaulichen Bad Homburg untergebracht. Doch bevor er ein neues Leben beginnen kann, schüren anonyme Flugblätter in den Briefkästen der Nachbarn die Angst. Kurz darauf werden im Kurpark zwei bestialische Morde verübt. Die „besorgten Bürger“ von Bad Homburg sind in Panik, der Oberbürgermeister fürchtet um seine Wiederwahl und so gerät Hauptkommissar Dieter Reibmann unter Druck und verhaftet Luka Basler als mutmaßlichen Täter – Fall abgeschlossen. Einzig der Journalist Armin Anders glaubt nicht an diese banale Lösung und recherchiert mit Hilfe des Computer-Nerds Manfred – und fördert Stück für Stück eine schier unglaubliche Geschichte um Neonazis, Herrenmenschen und Rachefeldzüge zu Tage. Dabei muss er tragischen menschlichen Schicksalen und Abgründen ins Auge blicken.

Viel situative Spannung in einzelnen Szenen, vorwiegend durch den Gruselfaktor, den die bestialischen Morde erzeugen. Beim Handlungsaufbau holt der Autor sehr weit aus. Bis alle Beteiligten und Handlungsstränge eingeführt sind, ist das halbe Buch rum – und man weiß schon, wer der Täter ist. Handlungsspannung entsteht höchstens noch dadurch, wie und wann er gefasst wird. Etwas einseitig ist auch, dass fast der gesamte relevante Erkenntnisgewinn aus den Hacker-Recherchen des Computer-Nerds stammen. Spät eingeschobene Kapitel mit Detailbeschreibungen früherer Ereignisse (von denen der Leser aber schon weiß) wirken eher deplatziert. Die Parallelhandlung in Nigeria ist gerade mal lose mit dem eigentlichen Plot verknüpft, hat eigentlich keine Funktion und verläuft sich am Ende. Auch sprachlich könnten Stimmungen und Gefühle weniger wortreich langatmig, sondern fokussierter und lebendiger in Szene gesetzt werden. Fazit: Kann man mal lesen.

Land: Deutschland
Genre: Thriller
Verlag: UKA, Bad Homburg
Jahr: 2017
Seiten: 278
Rezension von HK am 10.01.2018

Robert Menasse

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Da kommt einiges zusammen in Brüssel. In der Europäischen Kommission macht man sich Gedanken, wie das schlechte Image zu verbessern sei. Fenia Xenopoulou von der Generaldirektion Kultur macht sich den kühnen Gedanken ihres Mitarbeiters Martin Susman zu eigen, als historische Wurzel das „Nie wieder“ der Ausschwitz-Überlebenden in den Mittelpunkt einer Jubiläumsveranstaltung zu stellen. Das Schicksal dieser Initiative illustriert das Innenleben der EU-Kommission mit ihren zahlreichen Generaldirektionen und das komplexe Zusammenwirken (oder auch nicht Zusammenwirken) von Kommission, Rat und Parlament mit all den unterschiedlichen politischen und nationalen Interessen. Die Argumente für und besonders wider eine solche historische Profilierung geben darüber hinaus eindrucksvoll den aktuellen geistigen Zustand in Europa wieder.

Dann gibt es den Erzählstrang von Kommissar Emile Brunfaut, dessen Großvater im Widerstand gegen die Nazis war. Er will einen Mord aufklären, bekommt aber unmissverständlich von der Staatsanwaltschaft erklärt, dass es keinen Fall gäbe. Und schon sind auch alle Akten und Einträge darüber verschwunden. Der Auftragsmörder Mateusz Oswiecki, der zudem noch den Falschen umgebracht hat, setzt sich nach Polen ab. Dann gibt es noch David de Vriend, ein Ausschwitz-Überlebender, der gerade in ein Altersheim gezogen ist. Und Professor Erhart, der als einziger in einem „Think Tank“ die herrschende Wirtschaftsideologie kritisiert und sich ins Abseits manövriert. Schließlich Martin Susmans Bruder Florian, den Präsidenten der Europäischen Schweinezüchtervereinigung, der für ein europäisches Abkommen zum Schweinehandel mit China kämpft. Und dann noch ein Schwein, dass immer wieder im Stadtgebiet von Brüssel gesichtet wird und eine Pressekampagne auslöst.

Gleich vorneweg – literarisch einfach super und originell. Man kann es auch nicht als Roman, sondern als fünf oder mehr Kurzgeschichten über die jeweiligen Personen lesen. Die (und ihre Lebensgeschichte) werden ohne großen sprachlichen Schnickschnack sehr lebendig geschildert. Und alle sind Zeugnisse der jüngeren europäischen Geschichte – und ihrem Verschwinden im Nichts der Apparate. Der Deutsche Buchpreis ist mehr als verdient.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Suhrkamp, Berlin
Jahr: 2017
Seiten: 459
Rezension von HK am 09.01.2018

Christoph Höhtker

Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen

Frank Stremmer ist Anfang 40 und arbeitet für eine globale NGO in Genf, deren Hauptziel offensichtlich ist, die Popularität ihres Präsidenten zu steigern. Er selbst ist seines Berufs überdrüssig, der Menschen überdrüssig und der Welt – ach nein, die kommt ihm garnicht in den Sinn. Mit seinem Psychotherapeuten führt er einen Eiertanz auf und lässt dessen hilflose Interventionen durch frei flottierendes Geplapper ins Leere laufen. Der Höhepunkt dessen (und die Haupthandlung des Buches) ist sein Plan, im nächsten Jahr monatlich eine Frau zu verführen und – wenn dies gelingt – sich danach umzubringen.

Kurzum, ich erspare mir die Zitate des – ich wiederhole mich – sinnlosen Geplappers, das das ganze Buch durchzieht. Hätte der Autor seinen Protagonisten sich gleich umbringen lassen, hätte ich mir (in der Hoffnung, es kommt noch was) erspart, 250 Seiten des Nichts zu lesen. Wie die auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis gekommen sind…?

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: weisbooks, Frankfurt
Jahr: 2017
Seiten: 250
Rezension von HK am 31.12.2017

Juli Zeh

Juli Zeh: Leere Herzen

Die Geschichte spielt in der näheren Zukunft in Braunschweig (angeblich sind Großstädte out), Angela Merkel ist noch in Erinnerung, regiert wird Deutschland von den besorgten Bürgern, deren Gesetzesvorlagen als „Effizienzpakete nummeriert werden. Wer will, lebt vom bedingungslosen Grundeinkommen. Alle leben vor sich hin, arrangiert mit den Verhältnissen, Lebenssinn definiert jeder für sich eher mühsam.

Britta (verheiratet, eine Tochter, Einfamilienhaus) und Babak (Single, schwul) haben die Firma „Die Brücke“ aufgezogen. Sie behandelt Selbstmordkandidaten in einem zwölfstufigen Verfahren. Wer vorher ausscheidet, geht (geheilt?) ins Leben zurück. Wer alle Stufen erfolgreich (!) durchläuft, wird auf dem Markt der Terrororganisationen (islamistische, ökologische uvm.) als idealer Selbstmordattentäter vermittelt. Ein lukratives Geschäft mit Alleinstellungsmerkmal. Doch plötzlich macht sich eine ominöse Konkurrenz breit, und ein gefährliches Spiel beginnt.

Mal abgesehen von einigen logischen Brüchen in diesem Geschäftsmodell ist dies ein provokanter Plot. Sowohl die wirre Innenwelt der handelnden Figuren als auch ihre bizarren Handlungen laden nicht zur Identifikation ein. Das scheint auch gar nicht beabsichtig. Das ganze Buch scheint nur der Rahmen für die Wut gegen die Anhänger von Rechtspopulisten zu sein, die Juli Zeh ihre Protagonistin geradezu rauskotzen lässt: „…jene Nörgler, die seit Jahrzehnten mit ihrer Missgunst und Kleinkariertheit an den Fundamenten der Demokratie graben. Die das Internet in eine Schlammschleuder verwandelt haben, die nur glücklich sind, wenn sie auf andere herabschauen können. … Jener Bodensatz aus schlecht gelaunten Postdemokraten, die erfolgreich dabei sind, die größte zivilisatorische Errungenschaft der Menschheitsgeschichte ihren persönlichen Minderwertigkeitskomplexen zu opfern.“

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Luchterhand, München
Jahr: 2017
Seiten: 352
Rezension von HK am 18.12.2017

Maria Alice Barroso

Maria Alice Barroso: Sag mir seinen Namen und ich töte ihn

Oceano Moura Alves ist Großgrundbesitzer und unumschränkter Herrscher über seine Fazenda und den Ort Parada de Deus. Gegen den Widerstand des Apothekers Nonho entführt er dessen Tochter Maria Corina und heiratet sie. Maria Corina ist eine schöne, unbefangene und lebenslustige Frau, die sich attraktiv kleidet, gerne spontan tanzt und mit anderen (Männern) offene Konversation pflegt. Ganz im Gegensatz zum in den Konventionen seiner Zeit gefangenen, machohaften, gewalttätigen und gefühlsgebremsten Oceano, der das Verhalten seiner Frau unerträglich findet. Seine paranoide Eifersucht und Einflüsterungen seiner Familie (Mutter, Brüder, Schwestern) und des intriganten Leibwächters „Einundsiebzig“ bestärken ihn in der Gewissheit, dass seine Frau ihn betrügt. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Das Geschehen spielt in der Zeit der 1930er Jahre in einen ländlichen Gegend Brasiliens. In wechselnder Perspektive verschiedener Romanfiguren werden nicht nur die aktuellen Ereignisse berichtet, sondern auch Erinnerungen an Heleno (den Vater Oceanos), Zé Inácio (Großvater) und besonders an „Chico den Bauer“ (Urgroßvater) geschildert. Der Letztere ist der Stammvater, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Land in Besitz genommen – und dabei Indios vertrieben und Konkurrenten ausgeschaltet hat. Und immer noch herrschen in den 1930er Jahren der Mythos und die „Moral“ der starken Männer, die sich Natur, Reichtümer, Menschen (inkl. Sklaven) und auch Frauen untertan machen. Aus heutiger Sicht liest sich das wie von einem anderen Stern. Wie Maria Alice Barroso diese inneren und äußeren Welten in realistischer sprachlicher Klarheit beschreibt, zeichnet ein opulentes Bild des damaligen Lebens und macht den Roman zu großer Literatur.

Land: Brasilien
Genre: Roman
Verlag: Goldmann, München
Jahr: 1997
Seiten: 479
Rezension von HK am 13.12.2017