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Heinrich Krobbach

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Deniz Ohde

Deniz Ohde: Streulicht

Die Ich-Erzählerin besucht ihren Vater im Elternhaus im Umfeld des Frankfurter Industrieparks Höchst. Ihre Mutter war in der ländlichen Türkei als ungewolltes und ungeliebtes Kind aufgewachsen, folgte irgendwann ihrer Schwester nach Deutschland, lernte dort ihren Mann kennen, bekam eine Tochter, trennte sich vom Mann, versorgte ihn aber häuslich weiter, zog wieder ein, als dessen Vater starb und starb selbst an einem Hörsturz. Ihr Vater war Industriearbeiter, hat 40 Jahre lang in derselben Firma Aluminiumbleche in Lauge getaucht, zeigt „Hilflosigkeit bei allem, was darüber hinausgeht“, war während der Ehe unbeherrscht und gewalttätig (aber immer nur gegen Sachen, nicht gegen Frau und Tochter), lebt nun zurückgezogen, raucht und trinkt zu viel, neigt zum Messie, weil er alles aufheben muss. Sehr hellsichtig allerdings charakterisiert er die Ehe des deutschen Arbeiters mit einer gebürtigen Türkin: „Wir werden hier unter ständiger Beobachtung stehen.“ Und diese Erfahrung prägt die Kindheit und Jugend der Tochter. Unsere Ich-Erzählerin, aufgrund von Aussehen und Vorname sofort als Nichtdeutsche identifiziert, durchlebt alle Facetten der Diskriminierung von Verächtlichmachung, Beleidigung, Tätlichkeiten auf dem Schulhof bis hin zur Ausgrenzung durch Lehrer/innen, die nicht hinhören, verstehen und fördern wollen, sondern lieber reflexhaft auf falsche grammatische Artikel reagieren und eher von zu viel Schulbildung abraten – „sie müsse ja sicher zu Hause viel helfen“. Eigentlich ein Wunder, dass ihr ein erfolgreiches Studium ebenso gelingt wie ihren Schulfreund:innen Pikka und Sophia. Die beiden bilden das rein deutsche Kontrastprogramm (und heiraten auch am Ende), sind wirkliche Freunde und frei von rassistischen Abwertungen – allerdings so frei, dass sie die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin nicht glauben können „Das bildest du dir ein“, sagte Sophia.

Das ist ja ein autobiografischer oder zumindest stark so beeinflusster Roman. Wenn auch nur ein Teil dessen stimmt, wie sich die Lehrkräfte verhalten – also etwa Ende der 1990er, Anfang der 200er Jahre, dann fall ich vom Glauben ab, dass ein solcher „Herr Kaiser“ noch sanktionsfrei an hessischen Schulen unterrichten können sollte. Aber man muss es wohl ernst nehmen – dieses lähmende (und zum Teil unsichtbare) Gift der Diskriminierung: „Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“ Die Geschichte dieses klugen, aber stillen, dieses beharrlichen, aber schüchternen Mädchens zeigt, wie schwer die doppelte Last (sog. Migrationshintergrund und Arbeiterkind) den eigenen selbstbestimmten Weg hemmt. Atmosphärisch sehr dicht, geradezu mit allen Sinnen spürbar, setzt Deniz Ohde die Geschehnisse, die Wohnungen, die Klassenzimmer, das Milieu in Szene. Man sieht Bilder und versteht – und bewundert die Protagonistin. Jedoch öfters waren mir die Reihungen der Erinnerung zu assoziativ (huch, wovon und von wem ist nun die Rede?) und hinderten das Leseverständnis. Aber lesen muss man diesen instruktiven Roman unbedingt.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Suhrkamp, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 284
Rezension von HK am 26.05.2021

Juan S. Guse

Juan S. Guse: Miami Punk

Der Atlantik hat sich urplötzlich zurückgezogen; seitdem liegt zwischen Miami und den Bahamas eine riesige gebirgige Wüste. Miami selbst ist wirtschaftlich am Boden; Ordnungsstrukturen haben sich partiell aufgelöst und Alligatoren treiben sich so vermehrt im Stadtgebiet herum, dass es spezielle Ringer-Vereine gibt, die die Reptilien bekämpfen und niederringen. Robin arbeitet (unterfordert) in der IT-Abteilung der Life-Science-Firma Nowak, spielt abends online Kampfspiele, programmiert ein Computerspiel „Das Elend der Welt“, das interaktiv die Biografie der User integrieren soll, und hängt am Wochenende mit Ihrer Liebespartnerin Daria ab, die in einer Behörde „55“ arbeitet, die erforschen soll, was in Miami gesellschaftlich seit dem Verschwinden des Meeres warum passiert. Im Fokus steht dabei der „Kongress“, der permanent in verschiedenen Ebenen des Rowdy Yates Komplexes (einer riesigen Wohnanlage – fast Stadt in der Stadt – mit 7 Wohntürmen) tagt. Der Kongress ist ein vielgestaltiges offenes Forum für alle Teilnehmenden und alle Themen zur Situation in Miami und überhaupt und zu Zukunftsperspektiven, wird allerdings von den Behörden als subversiv und esoterisch misstrauisch beäugt und ausspioniert. Robins Cousin Lint engagiert sich dort und nabelt sich von seiner Familie ab, zumal dort die Konflikte zwischen seiner Mutter Norma und Vater Loyd eskalieren. Dieser fährt jeden Morgen pünktlich zur Arbeit in den Hafen, obwohl er schon lange keine Arbeit mehr hat. Dann gibt es noch „Pilger“, die in die Wüste (des ehemaligen Meeres) ziehen, aber von der Küstenwache aufgehalten werden. Weiterhin auch Todesschwadronen, die Wohnkolonien ehemaliger Triebtäter angreifen. Und schließlich eine Gruppe junger Deutscher, die zum letzten großen Turnier von Counterstrike 1.6., das in Miami ausgetragen wird, anreisen. Diese Geschichte ist eine parallele Handlung, die von einem Ich-Erzähler berichtet wird.

Wobei Handlung in diesem über 600 Seiten starken Buch eher rudimentär zu verstehen ist. Eher als Panoptikum von Alltagsszenen und (vorwiegend negativen) Befindlichkeiten der Protagonist:innen. Ergänzt durch Berichte vom CS-Tournier und von Tagebuch-Auszügen eines „Pilgers“ sowie einigen Kapiteln ohne Leerzeichen und Absätze zwischen den Wörtern (die ich überschlagen habe). Das alles hat in schöner Übereinstimmung von Form und Inhalt ziemliches dystopisches Potenzial. Dennoch – bei aller Auflösung physikalischer, gesellschaftlicher, psychischer Realität und auch Abwanderung in die digitale – da ist mir zu viel „Schlaf“ und passives Erleben und zu wenig treibende Spannung in den Menschen, zwischen den Menschen und zwischen Menschen und der Welt. Kein Vergleich mit José Saramago (den das begeisterte Feuilleton m.E. qualitativ zu Unrecht herstellt). Nur der Hinweis der Schenkenden, dieses Buch hätte noch nie jemand zu Ende gelesen, hat mich vom Abbruch abgehalten.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 640
Rezension von HK am 05.05.2021

Anne Weber

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Bei einer Podiumsdiskussion im südfranzösischen Dieulefit lernt die Autorin die sehr alte Anne Beaumanoir kennen. Die erzählt beim Abendessen von ihrem Leben und Anne Weber denkt: „Dich gibt’s? Dich gibt es wirklich?“ Am Ende steht dieses Buch über das Leben der Anne Beaumanoir, genannt Annette, das 2020 den deutschen Buchpreis gewinnt. Die Geschichte des wissbegierigen Mädchens, der hilfsbereiten jungen Frau, der Medizinstudentin, der Resistance-Kämpferin, der Ehefrau, der Ärztin, der Mutter, der Untergrundaktivistin für Algeriens Unabhängigkeit, der Gefängnisinsassin, der Geliebten – und immer der Frau, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit in die Wiege gelegt scheint.

Annette – ein Heldinnen-Epos? Eine Heldin ist sie ganz gewiss. Ihr intuitives Eintreten für Menschen, denen Leid und Unrecht geschieht, trotzt den Gefahren (und auch der „richtigen Line“ der kommunistischen Partei). Und dennoch – oft hinkt die Erkenntnis dem Impuls hinterher: „Eingesperrt mit Algerierinnen merkt Annette, dass sie für ein Land kämpft, von dem sie keine Ahnung hat.“ Und gegenüber den dunklen, grausamen und herrschsüchtigen Seiten der Freiheitskämpfer wirkt sie ratlos bis naiv, was der kritische Zwischenruf der Erzählerin „Warum machst du da mit, Annette, warum setzt du dein Leben ein für diese Leute?“ nahelegt. Bei allen (produktiven) Zweifeln – geschildert wird eine Frau, deren Leben Respekt und Anerkennung fordert. Ein Heldinnen-Epos – ist es denn ein Epos? Formal hat das Buch mit dem mittelalterlichen Heldenepos wenig zu tun. Es gibt zwar vorzeitige Zeilenumbrüche (die aber bald weniger werden), jedoch keinerlei Versmaß. Auch der Reportagestil, der die Leser/innen auf Distanz hält, aber auch Spannung erzeugt, ist wenig heldenepisch – aber anmutig getragen von der Sympathie der Erzählerin für dieses bemerkenswerte Frauenleben.

Land: Frankreich
Genre: Erzählung
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 208
Rezension von HK am 15.04.2021

David Foster Wallace

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant

Der Ich-Erzähler hat den Auftrag einer „Edelgazette von der Ostküste“, über eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff (1 Woche durch die Karibik) zu berichten. Das Ergebnis sind dann 170 launige Seiten über Seekrankheit, Exzentrik, Skurrilität und intellektuelle Bescheidenheit der Teilnehmenden, Doppelbödigkeit der Crew gegenüber den Reisenden zwischen aufgesetzter Freundlichkeit und (in Wirklichkeit) Verachtung sowie über protziges Luxusgehabe.

Hier und da finden sich einige weniger oberflächliche Stellen. So z.B. die Beschreibung des gnadenlosen Kontroll- und Leistungssystems innerhalb der Crew. Oder der Totalitätsanspruch einer Freizeitindustrie, in der man nicht Spaß haben kann, sondern muss, und Lächeln und gute Laune zur Ware wird. Ansonsten war es ganz nett zu lesen. Nervig allerdings sind die überlangen Fußnoten, zum Teil mit Fußnoten zu Fußnoten.

Land: USA
Genre: Satire
Verlag: KiWi-Taschenbuch, Köln
Jahr: 2015
Seiten: 176
Rezension von HK am 24.03.2021

Dörte Hansen

Dörte Hansen: Altes Land

Nach dem 2. Weltkrieg kommt auf dem Bauernhof (im Marschland der Elbe nordwestlich von Hamburg) der verwitweten Ida Eckhoff die aus Ostpreußen geflüchtete Hildegard von Kamcke mit ihrer fünfjährigen Tochter Vera an. Trotz anfänglicher Abneigung kommen die Frauen miteinander aus. Als jedoch Idas Sohn Karl aus russischer Gefangenschaft kommt und zwischen ihm und Hildegard eine Liaison beginnt, bricht die Konkurrenz neu auf, eskaliert schließlich und Ida erhängt sich auf dem Dachboden. Jahre später lernt Hildegard den reichen Fritz Jacobi kennen, bekommt ihre Tochter Marlene mit ihm, zieht nach Hamburg und lässt die 14jährige Vera bei Karl auf dem Hof zurück. Die wächst – unterstützt von Idas Schwester und der Nachbarsfamilie Lührs – auf, studiert Zahnmedizin, eröffnet eine Praxis im Dorf und lebt ein unabhängiges Leben mit Hunden, Pferden, Jagdleidenschaft und gelegentlichen Liebhabern. Als der inzwischen alte, gebrechliche Karl (mit Hilfe) stirbt, zieht Vera sich zurück und vernachlässigt das Haus. Dann taucht Anne (die Tochter Marlenes), die von ihrem untreuen Lebensgefährten Christoph verlassen wurde, mit ihrem kleinen Sohn Leon auf. Und wieder gibt es „zwei Frauen und ein Haus“ und die Frage, ob es diesmal gut gehen kann.

Soweit die – natürlich unzureichende – Inhaltsangabe des opulenten Romans, der viele interessante Themen kritisch bis satirisch entfaltet. So z.B. die Konfrontation der traditionellen bäuerlichen Produktion und Lebensweise mit modernen Bio-Bauern, aber auch mit Bauernhöfen, die nur noch als Touristenbelustigung existieren – bei Dörte Hansen bekommen alle ihr Fett weg. Dann die humoristische Schilderung des (aus der Hamburger Kreativszene ausgestiegenen) Werbetexters Burkhard, der mit seiner Frau Eva dem unverstellten Landleben, der „Gummistiefelwelt“ huldigt (und dies in Büchern vermarkten will), dann aber ernüchtert in die geerbte Villa nach Hamburg zurückkehrt. Das alles beschreibt die Autorin mit feiner Ironie und zeichnet die Figuren überzeugend und lebensecht. Im Fokus steht jedoch die Geschichte der Frauen Hildegard, Vera, Marlene und Anne, ihre Angst, verloren zu gehen, ihr Wunsch und Wille nach einem Platz im Leben. Nach einem Haus, das mehr ist als Mauern und Dach überm Kopf. Doch diese Mütter und Töchter unterscheiden sich nicht nur in der Vorstellung von einem guten Leben, sondern auch in ihrer Mitmenschlichkeit (Anne) bzw. ihres brutalen Egoismus (Hildegard). Und hier wird die Sprache atmosphärisch dicht, existenziell und zum Teil bedrohlich und fesselt den*die Leser*in. Wenn auch zwischendurch der Handlungsbogen etwas dahin mäandert und die assoziativen Sprünge zwischen den Zeitebenen hier und da verwirren, ist es ein starkes Stück Familiengeschichte.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Penguin, München
Jahr: 2017
Seiten: 304
Rezension von HK am 01.02.2021