Heinrich Krobbach und Bücher
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Hallo und herzlich willkommen auf meiner Webseite!

Hier gibt es mich zu sehen und zu lesen.

Für Literaturliebhaber/innen meine Rezensionen gelesener Bücher. Über viele und nette Kommentare freue ich mich.
Rechts übrigens die neuesten Rezensionen.

Wer sich wundert, dass neuerdings so viele Krimis auftauchen. Seit dem Superstart der VHS-Lesungen "Tod im Turm" bekomme ich massenhaft Empfehlungen - ich bin sozusagen fast im Krimi-Lese-Stress. Aber es gibt auch immer wieder unblutige Literatur.

Ich suche natürlich auch Gäste für meine Ferienwohnung am schönen Traunsee (Österreich, Salzkammergut).

Viel Spaß beim Surfen
Heinrich Krobbach

Neue Bücher
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Charly Weller

Charly Weller: Gallus

Im Frankfurter Gallusviertel wird ein Mann erschossen. Er war nackt, trug nur ein Waschbärenkostüm und wurde kurz vor seinem Tod anal penetriert. Einziges Fundstück bei ihm war eine Einladung zu einer Veranstaltung des Liebigmuseums Gießen (das Weltkulturerbe werden will). Deshalb werden Kommissar Roman Worstedt und seine Kollegin Regina Maritz von der Gießener Kripo hinzugezogen. Der Tote wird als Christian Neuweger identifiziert, ein zwielichtiger Immobilienmakler, was eine Reihe von Motiven und Verdächtigen erbringt. Schlag auf Schlag finden sich im ersten Viertel des Buches aber zunächst weitere Figuren und Geschichten. Klaus Volkmann, der fälschlicherweise den Mord von zwei Waschbären anzeigt, worauf die Polizei stattdessen ein abgetrenntes menschliches Ohr findet. Die drogenabhängige Prostituierte Reinhild, die ihren todkranken Geliebten Lothar gemeinsam mit dessen Frau Pia nochmal im Krankenhaus besucht („Erbstreitigkeiten“ inbegriffen). Der kenianische Marathonläufer Douglas, der sein Glück in Deutschland versucht, aber von seinem Betreuer Jürgen ausgebeutet wird. Der Jürgen wiederum wird nachts im Gallus von drei Türken geklatscht, weil er randaliert hat. Dann gibt es noch den türkischen Ringer Murat, dessen Frau Aysal ihn verlässt und nach Deutschland flieht, was ihren Bruder Demir, der im Gallus wohnt, vor große Probleme stellt. Weiterhin die Krankenschwester Mareike, die auf einen Heiratsschwindler hereinfiel und in Krankenhaus in Gießen Reinhild betreut, die auf Entziehung ist. Zwischendurch immer mal Reginas demente Mutter im Altersheim, die von einer neuen Hochzeit fantasiert.

Durch diese und noch weitere Geschichten muss man durch, bis sich im letzten Viertel des Buches Stück für Stück Zusammenhänge auftun und die Lösung ganz logisch, der Plot aber wenig wahrscheinlich erscheint. Man kann es als grandioses Puzzle lesen über menschliche Schicksale (aber auch skrupellose oder skurrile Typen) und Ereignisse, die eigentlich zufällig aufeinandertreffen und damit die Tragödie auslösen. In der Rückschau hat das schon was! Andererseits hätte ich, ohne Notizen zu machen, den Überblick verloren. Charly Wellers Stil erfordert schon Konzentration; kein Krimi zum flüssig nebenbei Lesen. Bemerkenswert gut sind die Charaktere gezeichnet – besonders Reinhild sticht als einprägsame, farbige Figur (wenn auch in ihrem ganzen Elend) heraus. Viel Sprachwitz sorgt für ein vergnügliches Lesen, wenn auch viele „milieuspezifische“ Ausdrücke wohl nicht jedermanns Geschmack treffen.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: KBV, Hilleshein
Jahr: 2019
Seiten: 280
Rezension von HK am 10.11.2019

Gertraud Klemm

Gertraud Klemm: Hippocampus

Die Schriftstellerin Helene Schulze ist gestorben. Früher war sie für ihre „Emanzenliteratur“ bekannt und umstritten. Besonders die Männer des Literaturbetriebs verhinderten erfolgreich jegliche Ehrung. Sie heiratete dann einen Steuerberater, zog die gemeinsamen Kinder groß, ließ sich scheiden und lebte dann zurückgezogen im geerbten Haus in Hintermoos. Ihr Ex-Mann hat die Freundin Helenes aus den Wiener WG-Zeiten gebeten, den Nachlass zu sichten. Elvira Katzenschlager stellt fest, dass Helene doch noch ein Buch geschrieben hat und dass „Drohnenkönig“ für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Ein Interview bricht Elvira empört ab, weil sich die Fragen auf Klatschgeschichten über Helene fokussierten. Nun lässt sie ihrem Ärger freien Lauf, engagiert den jungen Kameramann Adrian als Helfer und beginnt einen Feldzug zur Rehabilitierung von Helene, vorwiegend in Form provokanter Aktionskunst an öffentlichen Orten, Denkmäler und in Theatern (Signatur ist immer ein gelbes Seepferdchen – Hippocampus).

Das Buch ist Zuspitzung und Kampf, wunderbar verkörpert durch die ruppige, aber doch irgendwie sympathische Elvira. Würde da nicht (immer) hinter ihrer derben und kompromisslosen Sprache auch Liebe und Einfühlung hervorlugen, könnte man das Buch glatt als „Zicken-Literatur“ abtun. Das aber würde der Vielschichtigkeit nicht gerecht. Das Bermudadreieick zwischen künstlerischem (Er-)Leben der Autor/inn/en und den Markt- und Medienmechanismen des Literaturbetriebs ist ja existent. Die fortbestehende Benachteiligung von Frauen sowieso. Und dann ist da noch der Clash of Generations im Aufeinandertreffen und der Annäherung der 60jährigen Elvira mit dem um die 30jährigen Adrian. Mit viel Sprachwitz verschafft Gertraud Klemm dem Leser ähm der Leserin ein literarisches Leckerli, wirft ihnen aber auch harte Brocken zum Nachdenken hin.

Land: Österreich
Genre: Roman
Verlag: Kremayr & Scherlau, Wien
Jahr: 2019
Seiten: 384
Rezension von HK am 09.11.2019

Sasa Stanisic

Sasa Stanisic: Herkunft

Der Autor erzählt die Geschichte seiner Herkunftsfamilie vom ersten Kennenlernen der Großeltern (mütterlicher- und väterlicherseits) an bis zu seinen eigenen Kindheitstagen im ehemaligen Jugoslawien. So zum Beispiel der Besuch des Viertelfinales im Europapokal der Landesmeister, eine Station für Roter Stern Belgrad zum Gewinn des Pokals 1991. Danach zerfiel Jugoslawien im Bürgerkrieg, die bosnische Familie Stanisic muss fliehen und findet Zuflucht in Heidelberg, wo sich im Stadtteil Emmertsgrund rund um eine ARAL-Tankstelle die Jugendjahre des Autors abspielen. Danach das Leben in Hamburg mit eigenem Sohn – der Autor ist inzwischen als solcher etabliert und bekannt. Besonders geht es nun um das Verlöschen (Demenz) von Großmutter Kristina und Rückblenden auf das frühere Leben mit ihr in Visegrad. Geradezu mystische Qualität erlangen hierbei die Erinnerungen an einen Besuch in Oskorusa, gewissermaßen der Ursprungsort der Familie Stanisic („…eine Art Urszenerie .. für mein Selbstporträt mit Ahnen“). Unter anderem dort spielt auch der phantasmagorische Schlussteil des Buches.

Bezeichnender Weise wird das Buch vom Verlag keinem Genre zugeordnet (ich sortiere es unter Roman ein, weil die meisten eher unter dieser Kategorie suchen werden). Es ist ein Stück Biographie (die Kindheitserinnerungen, die Flucht, das Ankommen und Einfinden in Deutschland), wobei man nicht weiß, wieviel davon Fiktion ist. Am Schluss ist es reine Fiktion mit origineller Leseanordnung. Zwischendrin ist es Sachbericht der Ereignisse im Jugoslawienkrieg. Es ist Satire (Briefe an die Ausländerbehörden) Es ist Essay (S. 98) über nationalistische Ideologie. All diese Teile sind munter durcheinandergewürfelt; auch eine chronologische Reihenfolge ist kaum zu erkennen. So entsteht mit Sprachwitz und Sprachmacht ein starkes Mosaik von Verhältnissen und ihrer Umwälzung – und dem intelligenten und anpassungsfähigen Festhalten an Heimat, an Herkunft eben.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Luchterhand, München
Jahr: 2019
Seiten: 368
Rezension von HK am 03.11.2019

Uwe und Jonas Krüger

Uwe und Jonas Krüger: Frankfurt am Mord

Im Frankfurter Rotlichtviertel wird eine männliche Leiche kopfüber im Regenfass im Hinterhof einer Bar gefunden. Der zwielichtige Besitzer der Bar, Slobodan Micek ist wenig auskunftsfreudig und hat offensichtlich etwas zu verbergen. Aber hat er auch mit dem Mord zu tun? Jedenfalls muss sich Hauptkommissarin Karola Bartsch auch noch mit dem sehr selbstbewussten Hannes Goldstein vom BKA (Organisiertes Verbrechen), der hinter Micek her ist, auseinandersetzen, während ihr Team keine vernünftige Spur findet. Bis der findige Chef der Spurensicherung, Franz Komtschewski, einen Pflanzenrest in der Hosentasche des Toten als seltene Wassernuss identifizieren kann, die nur an wenigen Standorten vorkommt. Und so führt die Spur in das Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue im hessischen Ried, wo engagierte Vogelkundler sich nicht immer grün sind. In einer Parallelhandlung entdeckt Karols Bruder Karsten - Ex-Polizist und Wirt des Strandfurt (klingt ganz nach Orange Beach) auf einer Main-Insel einen Pinguin und fängt ihn ein. Dies führt zur dritten Parallelhandlung, nämlich zur radikalen Tierschutzbewegung „free all animals“. Und Flo (Florian Funke, sowas wie ein jugendlicher Schützling von Karola), verliebt in die FAA-Aktivistin Mia, scheint drauf und dran zu sein, strafwürdige Dummheiten zu begehen, wovor Karola ihn (jenseits des Dienstwegs) bewahren will. Unblutig geht nur Karstens Pinguin-Aktion aus. Die Rettung von Flo verursacht Blessuren und nächtliche Begegnungen mit Wölfen und bevor der Mörder der Regenfass-Leiche gefasst wird, muss die junge Kommissarin Charlotte Ahrens in schaurigen Gewölben der Ronneburg um ihr Leben kämpfen.

Das ist mal ein Rhein-Main-Krimi, der seine Handlung von Frankfurt bis zum Kühkopf und in die andere Richtung bis zur Ronneburg spannt. Und diese Orte sind ebenso detailreich geschildert wie auch das Frankfurter Rotlichtviertel oder etwa die „schöne Müllerin“ (Äppelwoi-Kneipe im Nordend). Thematisch herrscht epische Fülle – von Tierschützern, Cosplayer und Vogelkundlern bis hin zu Menschenhändlern. Dennoch verliert der interessante Krimi-Plot nie den Fokus und bleibt bis zum Ende spannend. Selbst die eingeflochtene Episode von Karstens (der aber auch undercover seiner Schwester bei der Aufklärung hilft) Kneipe mit Pinguin kommt als lustige Abwechslung rüber. Das „Personal“ (ob gut, ob böse, ob schräg) des Buches wird durchgehend sehr ausdruckstark beschrieben. Wobei die Klappentext-Behauptung, alle Personen seien frei erfunden, bei einigen der Riedbewohner relativiert werden muss – da ist die Namensähnlichkeit doch augenfällig. Auch sprachlich ein sauberes Werk – eingängige Beschreibungen, mal werden auch feinsinnig Adorno oder Hesse zitiert – die Autoren scheinen das Spiel mit Sprache zu genießen. So sehr, dass sogar über zwei Seiten die Entführung Atilas aus der Perspektive des Steinadlers geschildert wird. Vielleicht hat da jemand die Schilderung eines Wildunfalls aus der Perspektive des Hirsches in Elfriede Jelineks „Gier“ gelesen. Insgesamt hat es riesigen Spaß gemacht, diesen Top-Krimi zu lesen. Ach ja, ein Wermutstropfen (der nicht aufs Konto der Autoren gehen muss) – der Titel ist bescheuert.

Land: Deutschland
Genre: Krimi
Verlag: emons, Köln
Jahr: 2019
Seiten: 336
Rezension von HK am 23.10.2019

Mamen Sanchez

Mamen Sanchez: Estela und die Liebe zu den Wörtern

Estela Valiente hat einen Roman gegen die Unterdrückung von Frauen geschrieben, der weltweit berühmt wurde und für den sie den Literatur-Nobelpreis erhielt. Nur war dies zur Zeit der Franco-Diktatur, und Estela wurde mit ihrer Verlegerin wegen der Veröffentlichung ins Gefängnis gesteckt. Nach ihrer Entlassung zog sie sich mit ihrer Schwester Alicia in ihr abgelegenes Heimatdorf Los Rosales zurück und veröffentliche nie mehr eine Zeile. %0 Jahre später fasst die junge Journalistin Maya den Plan, trotz der entschiedenen Abneigung Estelas gegen jede Öffentlichkeit eine Biografie über sie zu schreiben. Sie mietet sich in der Nachbarschaft der Schwestern ein, freundet sich mit ihnen an und entlockt ihnen erstaunliche Informationen. Woran zerbrach wirklich die enge Freundschaft Estelas mit bizarren und inzwischen verstorbenen Schriftsteller Tony Cienfuegos? Welche Rolle spielte die aus dem gleichen Dorf stammende „Liebesbrief-Mörderin“ Marta Poza? Dann taucht plötzlich der bekannte Fernsehmoderator Alonso Rios auf und will ebenfalls Estelas Biografie schreiben. Und er scheint ein Druckmittel zu besitzen, um Estela zur Kooperation zu zwingen. Doch die betagten Schwestern schlagen allen ein Schnippchen und treten – im wahrsten Sinn des Wortes – die Flucht nach vorne an. Dabei wird deutlich, dass die Ereignisse vor einem halben Jahrhundert ganz anders waren als bislang in der Öffentlichkeit bekannt.

Allein schon dieses stückchenweise Enthüllen bislang unbekannter Ereignisse, das zunehmen klarere Erkennen der Zusammenhänge verleiht dem Roman eine Spannung, die den Leser das Buch nicht aus der Hand legen lässt. Das Sittengemälde des franquistischen Spanien ist ebenso eindrucksvoll gezeichnet wie die farbig konturierten und lebensechten Persönlichkeiten der Protagonisten. Besonders natürlich die beiden Schwestern Estela und Alicia, die geradezu zärtlich beschrieben werden. Man muss sich einfach in diese sympathischen alten Damen verlieben. Unbedingt lesen!

Land: Spanien
Genre: Roman
Verlag: Thiele, München
Jahr: 2019
Seiten: 368
Rezension von HK am 19.10.2019