Heinrich Krobbach und Bücher
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Heinrich Krobbach

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Anne Weber

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Bei einer Podiumsdiskussion im südfranzösischen Dieulefit lernt die Autorin die sehr alte Anne Beaumanoir kennen. Die erzählt beim Abendessen von ihrem Leben und Anne Weber denkt: „Dich gibt’s? Dich gibt es wirklich?“ Am Ende steht dieses Buch über das Leben der Anne Beaumanoir, genannt Annette, das 2020 den deutschen Buchpreis gewinnt. Die Geschichte des wissbegierigen Mädchens, der hilfsbereiten jungen Frau, der Medizinstudentin, der Resistance-Kämpferin, der Ehefrau, der Ärztin, der Mutter, der Untergrundaktivistin für Algeriens Unabhängigkeit, der Gefängnisinsassin, der Geliebten – und immer der Frau, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit in die Wiege gelegt scheint.

Annette – ein Heldinnen-Epos? Eine Heldin ist sie ganz gewiss. Ihr intuitives Eintreten für Menschen, denen Leid und Unrecht geschieht, trotzt den Gefahren (und auch der „richtigen Line“ der kommunistischen Partei). Und dennoch – oft hinkt die Erkenntnis dem Impuls hinterher: „Eingesperrt mit Algerierinnen merkt Annette, dass sie für ein Land kämpft, von dem sie keine Ahnung hat.“ Und gegenüber den dunklen, grausamen und herrschsüchtigen Seiten der Freiheitskämpfer wirkt sie ratlos bis naiv, was der kritische Zwischenruf der Erzählerin „Warum machst du da mit, Annette, warum setzt du dein Leben ein für diese Leute?“ nahelegt. Bei allen (produktiven) Zweifeln – geschildert wird eine Frau, deren Leben Respekt und Anerkennung fordert. Ein Heldinnen-Epos – ist es denn ein Epos? Formal hat das Buch mit dem mittelalterlichen Heldenepos wenig zu tun. Es gibt zwar vorzeitige Zeilenumbrüche (die aber bald weniger werden), jedoch keinerlei Versmaß. Auch der Reportagestil, der die Leser/innen auf Distanz hält, aber auch Spannung erzeugt, ist wenig heldenepisch – aber anmutig getragen von der Sympathie der Erzählerin für dieses bemerkenswerte Frauenleben.

Land: Frankreich
Genre: Erzählung
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 208
Rezension von HK am 15.04.2021

David Foster Wallace

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant

Der Ich-Erzähler hat den Auftrag einer „Edelgazette von der Ostküste“, über eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff (1 Woche durch die Karibik) zu berichten. Das Ergebnis sind dann 170 launige Seiten über Seekrankheit, Exzentrik, Skurrilität und intellektuelle Bescheidenheit der Teilnehmenden, Doppelbödigkeit der Crew gegenüber den Reisenden zwischen aufgesetzter Freundlichkeit und (in Wirklichkeit) Verachtung sowie über protziges Luxusgehabe.

Hier und da finden sich einige weniger oberflächliche Stellen. So z.B. die Beschreibung des gnadenlosen Kontroll- und Leistungssystems innerhalb der Crew. Oder der Totalitätsanspruch einer Freizeitindustrie, in der man nicht Spaß haben kann, sondern muss, und Lächeln und gute Laune zur Ware wird. Ansonsten war es ganz nett zu lesen. Nervig allerdings sind die überlangen Fußnoten, zum Teil mit Fußnoten zu Fußnoten.

Land: USA
Genre: Satire
Verlag: KiWi-Taschenbuch, Köln
Jahr: 2015
Seiten: 176
Rezension von HK am 24.03.2021

Dörte Hansen

Dörte Hansen: Altes Land

Nach dem 2. Weltkrieg kommt auf dem Bauernhof (im Marschland der Elbe nordwestlich von Hamburg) der verwitweten Ida Eckhoff die aus Ostpreußen geflüchtete Hildegard von Kamcke mit ihrer fünfjährigen Tochter Vera an. Trotz anfänglicher Abneigung kommen die Frauen miteinander aus. Als jedoch Idas Sohn Karl aus russischer Gefangenschaft kommt und zwischen ihm und Hildegard eine Liaison beginnt, bricht die Konkurrenz neu auf, eskaliert schließlich und Ida erhängt sich auf dem Dachboden. Jahre später lernt Hildegard den reichen Fritz Jacobi kennen, bekommt ihre Tochter Marlene mit ihm, zieht nach Hamburg und lässt die 14jährige Vera bei Karl auf dem Hof zurück. Die wächst – unterstützt von Idas Schwester und der Nachbarsfamilie Lührs – auf, studiert Zahnmedizin, eröffnet eine Praxis im Dorf und lebt ein unabhängiges Leben mit Hunden, Pferden, Jagdleidenschaft und gelegentlichen Liebhabern. Als der inzwischen alte, gebrechliche Karl (mit Hilfe) stirbt, zieht Vera sich zurück und vernachlässigt das Haus. Dann taucht Anne (die Tochter Marlenes), die von ihrem untreuen Lebensgefährten Christoph verlassen wurde, mit ihrem kleinen Sohn Leon auf. Und wieder gibt es „zwei Frauen und ein Haus“ und die Frage, ob es diesmal gut gehen kann.

Soweit die – natürlich unzureichende – Inhaltsangabe des opulenten Romans, der viele interessante Themen kritisch bis satirisch entfaltet. So z.B. die Konfrontation der traditionellen bäuerlichen Produktion und Lebensweise mit modernen Bio-Bauern, aber auch mit Bauernhöfen, die nur noch als Touristenbelustigung existieren – bei Dörte Hansen bekommen alle ihr Fett weg. Dann die humoristische Schilderung des (aus der Hamburger Kreativszene ausgestiegenen) Werbetexters Burkhard, der mit seiner Frau Eva dem unverstellten Landleben, der „Gummistiefelwelt“ huldigt (und dies in Büchern vermarkten will), dann aber ernüchtert in die geerbte Villa nach Hamburg zurückkehrt. Das alles beschreibt die Autorin mit feiner Ironie und zeichnet die Figuren überzeugend und lebensecht. Im Fokus steht jedoch die Geschichte der Frauen Hildegard, Vera, Marlene und Anne, ihre Angst, verloren zu gehen, ihr Wunsch und Wille nach einem Platz im Leben. Nach einem Haus, das mehr ist als Mauern und Dach überm Kopf. Doch diese Mütter und Töchter unterscheiden sich nicht nur in der Vorstellung von einem guten Leben, sondern auch in ihrer Mitmenschlichkeit (Anne) bzw. ihres brutalen Egoismus (Hildegard). Und hier wird die Sprache atmosphärisch dicht, existenziell und zum Teil bedrohlich und fesselt den*die Leser*in. Wenn auch zwischendurch der Handlungsbogen etwas dahin mäandert und die assoziativen Sprünge zwischen den Zeitebenen hier und da verwirren, ist es ein starkes Stück Familiengeschichte.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Penguin, München
Jahr: 2017
Seiten: 304
Rezension von HK am 01.02.2021

Sally Rooney

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

Die Ich-Erzählerin Frances und Bobbie, zwei Studentinnen (Anfang 20) in Dublin, waren mal ein Paar und sind jetzt befreundet. Sie lernen das Anfang 30jährige Ehepaar Melissa (Fotojournalistin) und Nick (Schauspieler) kennen. Von Beginn an fühlen Frances und Nick sich voneinander angezogen, was in eine Affäre mündet, deren Verlauf der wesentliche Handlungsstrang des Romans ist. Bobbie verliebt sich zwar auch in Melissa, was aber für die gesamte Handlung nur nebensächlich ist. Es passiert – außer einem Kuss – auch nichts. Bei Frances und Nick geht es um Moral (anfänglich heimlicher Seitensprung), Eifersucht (Melissa auf Frances? Frances auf Melissa? Bobbie auf Nick?) und nicht-komplementäre Erwartungen. Parallel wird Frances‘ Kindheit und ihr schwieriges Verhältnis zum alkoholkranken Vater geschildert.

Von den Höhen von Frances‘ Verliebtheit lesend habe ich mich dauernd gefragt, wie man es zielsicher schafft, den Absturz in die Tiefen der Enttäuschung zu inszenieren. Also eher ein eingängiges Psychogramm der Selbstzweifel eines ungeliebten Kindes. So richtig in den Bann gezogen haben mich dieses Buch und seine Figuren nicht. Und der Schluss ist entweder sehr mutig oder zutiefst naiv. Und nach dem Ende des Buches könnte ein zweites, ein drittes usw. folgen und in Dauerschleife eine jetzt schon ermüdende neverending story wiedergeben.

Land: Irland
Genre: Roman
Verlag: Luchterhand, München
Jahr: 2019
Seiten: 384
Rezension von HK am 08.12.2020

Artur Becker

Artur Becker: Der unsterbliche Mr. Lindley

Der Berliner Psychiater Robert Brikschinski wechselt nach einem Fachkongress in Frankfurt-Sachsenhausen ins Hotel Lindley im Frankfurter Ostend. Dort soll das jährliche Familientreffen mit seinen in Kanada lebenden Eltern und seinem Bruder Jack und dessen Familie stattfinden. Jack selbst ist (nach einem erfolglosen Versuch einer Karriere als Gitarrist in London) der „Kulturmanager“ des Hotels, wobei er sich vorwiegend der Verarbeitung und dem Verkauf halluzinogener Pilze widmet. Zunächst muss sich Robert im hoteleigenen Tonstudio die neuen Stücke seines Bruders (gemeinsam mit einem Klon von Frank Zappa) anhören. Dabei trifft er auf die höchst attraktive venezianische Künstlerin Larissa, die die Fassade und den Innenbereich des Hotels gestaltet hat, und stürzt (obwohl seine Frau Karolina nie einen Seitensprung dulden würde) in eine amour fou. Weiterhin muss er noch die rechtspopulistischen Tiraden seines Vaters ertragen, einen Shitstorm im Internet wegen seines Forschungsprojektes zur Prävention von Gewaltverbrechen aussitzen, eigentümliche Diskussionen mit Mr. Lindley (dem eigentlich ja toten Konstrukteur der Frankfurter Kanalisation) führen und sogar sich das Lamento von Pontius Pilatus über seine verkannte Rolle bei der Kreuzigung Jesu anhören.

Schon früh stellt sich dem Leser angesichts der dahin mäandernden Szenen die Frage, um was im Kern bei diesem „Hotelroman“ geht. Vielleicht bisserl die Krise von Robert bürgerlicher Existenz? Eigentlich nicht ernsthaft. Wobei sich beim Lesen sowieso immer die Frage stellt, was jetzt ernst gemeint ist. Die Beschreibungen von Räumlichkeiten, Ereignissen und auftauchenden Figuren changieren zwischen real und surreal. Manches erscheint mystisch aufgeladen, dann aber wieder real bodenständig. So z.B. Larissa, einerseits mit bedeutungsschwangerem Tattoo auf dem Rücken (analog zur Außenfassade des Lindley) und nebenbei als Gewinnerin des Goldenen Löwen auf der Biennale 2017 in Venedig bezeichnet (das wäre dann Anne Imhof mit der Gestaltung des deutschen Pavillons), anderseits eine um Jacks Gesundheit besorgte Freundin und einfühlsame Geliebte für Robert. So lebt denn der Roman von seiner opulenten Ausmalung der Szenen und Charaktere, von den lakonischen Dialogen und nicht zuletzt von der Ungewissheit, was wirklich geschieht und was dem Genuss der leckeren Pilze zuzuschreiben ist.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Weissbooks, Frankfurt
Jahr: 2018
Seiten: 320
Rezension von HK am 28.09.2020