Heinrich Krobbach und Bücher
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Heinrich Krobbach

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Bernardine Evaristo

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Geschildert werden die Lebensgeschichten von (nach dem Inhaltsverzeichnis) 12 Frauen bzw. als Frau Geborene in Groß-Britannien, die alle miteinander in Verbindung stehen. Sie waren oder sind zueinander Großmütter, Mütter und Töchter, Lehrerinnen und Schülerinnen, Kolleginnen, Mitstudierende, Liebespartnerinnen usw. Gemeinsam ist allen: Sie sind People of Colour. So ist das Leben der ältesten geprägt von der Einwanderung aus amerikanischen oder afrikanischen Ländern und von offen feindseligem Rassismus der „Bio-Engländer*innen“. Die Themen der mittleren Generation waren (mehr oder weniger kritische) Bemühungen um Anerkennung und Integration und der Kampf gegen eher subtilen Rassismus und Diskriminierung, während die Jüngeren sich selbstbewusst mit Post Colonial Studies befassen und ihre Identität entwickeln. Dazu gehört 19jährige Studentin Yazz, Tochter der lesbischen Amma, durch eine Samenspende des schwulen Lifestyle-Professors Roland gezeugt. Amma, inzwischen Mitte 50 (sie bildet den Mittelpunkt dieses Biografie-Mosaiks) ist Theatermacherin, und die Premierenparty ihres Stücks „die letzte Amazone von Dahomey“ wird zur schonungslosen Bühne des Wiedersehens der in die Jahre gekommenen Generation Aufbruch.

Mehr beeindruckt haben mich die Geschichten der Frauen, die meist wie literarisch ausgeschmückte Kurz-Biografien wirken. Gerade der Wechsel zwischen distanzierter Schilderung und sprachlich-barocker Ausmalung von Gefühlen, Ängsten, Begierden und Szenen haben mich berührt. Zeitweise war die Vielzahl der Personen, die alle irgendwas familiär-biografisch miteinander zu tun haben, etwas verwirrend, und es bedurfte öfters des Zurückblätterns, um den Zusammenhang zu erkennen (besonders auch hinsichtlich der Zeitebene). Beschämend und eine Mahnung ist die Schilderung des vielfältigen vom lebensbedrohlichen bis zum beleidigenden Rassismus und damit auch beeindruckend die Stärke der Betroffenen, dies auszuhalten und / oder dagegen anzukämpfen. Die große Stärke des Buches ist, wie differenziert all diese starken Figuren gezeichnet werden. Nicht alle Unterdrückten sind immer gut, und nicht alle Unterdrücker sind (nur) schlecht. Und die Frage, ob die Kritik im Theater, dass die in der Reihe davor sitzende (PoC-)Frau eine sichtversperrende üppige Friseur trägt, eine Mikroaggression ist, bleibt erfrischender Weise offen.

Land: Groß-Britannien
Genre: Roman
Verlag: tropen, Stuttgart
Jahr: 2021
Seiten: 512
Rezension von HK am 17.07.2021

John Ironmonger

John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt

Im englischen Küstendorf St. Piran wird ein nackter Mann bewusstlos am Strand gefunden. Er kam nachts an, ging ins Meer schwimmen, wurde abgetrieben, aber dann von der Welle eines Wals ans Ufer gespült. Gerade genesen sieht Joe Haak (so heißt der Mann), dass der Wal am Ufer gestrandet ist, mobilisiert das Dorf und gemeinsam schieben die Menschen den Wal wieder zurück ins Meer. Joe war Analyst bei einer Investmentbank in der Londoner City und hatte eine Software entwickelt, die mit künstlicher Intelligenz den Einfluss weltweiter Ereignisse auf die Börse vorhersagt und damit das Kerngeschäft der Bank, Leerverkäufe von Aktien, unterstützt. Nach einem katastrophalen Verlust von 300 Millionen Pfund flüchtet Joe, der sich verantwortlich sieht nach St. Piran. Als er beschließt, dort zu bleiben, und sich mit den Einwohner*innen anfreundet, muss er erfahren, dass hier andere Regeln für das menschliche Zusammenleben gelten als in der Finanzwelt der City of London. Besonders dann, als das Dorf wegen einer weltweiten Grippe-Epidemie, abgeschnitten von Strom- und Wasserversorgung, ums Überleben kämpfen muss.

Das ist wohl der Kern der netten Geschichte. Handeln Menschen aus purem Egoismus und bestimmt ausschließlich dies ökonomische und auch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse? Oder sind Mitmenschlichkeit und Solidarität die eigentlichen Triebkräfte? Oder ist erstere für notwendig für ökonomischen Erfolg und Profit und die zweite Triebkraft dann gefragt, wenn die erste in die Katastrophe geführt hat? Joe schwankt zwischen beiden Modi hin und her, und es muss erst sein väterlicher Ober-Chef der Bank kommen, um ihm intellektuell-ethisch auf die Sprünge zu helfen. Jenseits seiner Software-Entwicklung ist Joe aber auch ein wahrhaft schlichtes Gemüt – besonders in seiner völligen Naivität gegenüber Frauen. So ein Homo Oeconomicus als Anti-Held im richtigen Leben – so liest es sich in der Tat als nette Geschichte.

Land: Groß-Britannien
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2020
Seiten: 480
Rezension von HK am 13.07.2021

Andreas Heinzel

Andreas Heinzel: Eine Stadt dreht durch

Eine Frau kauft schon mal einen Sarg für ihren (quicklebendigen) Mann. Zwei Brüder beschenken sich zu Tode. Eine Immobilienfirma verlost Wohnungen an Gewinner eines Radrennens. Ein Blechschaden im Parkhaus Hauptwache stürzt die Frankfurter Innenstadt in Chaos und Anarchie. Herr- und Fraugott fragen sich, ob die Erschaffung der Menschheit wirklich eine gute Idee war. In diesen (insgesamt 12) Kurzgeschichten dreht der Autor am Rad von mehr oder weniger alltäglichen Ereignissen und mehr oder weniger schrägen Marotten von Frankfurter Zeitgenoss*innen – und treibt es auf die Spitze. Profitgier, Eifersucht, Exzentrik, Pedanterie, Ehrgeiz, Hybris – den zeitlosen Todsünden hält Andreas Heinzel in seinen vergnüglichen Satire-Geschichten den Spiegel vor. War nett zu lesen.

Land: Deutschland
Genre: Satire
Verlag: mainbook, Frankfurt
Jahr: 2021
Seiten: 252
Rezension von HK am 06.07.2021

Deniz Ohde

Deniz Ohde: Streulicht

Die Ich-Erzählerin besucht ihren Vater im Elternhaus im Umfeld des Frankfurter Industrieparks Höchst. Ihre Mutter war in der ländlichen Türkei als ungewolltes und ungeliebtes Kind aufgewachsen, folgte irgendwann ihrer Schwester nach Deutschland, lernte dort ihren Mann kennen, bekam eine Tochter, trennte sich vom Mann, versorgte ihn aber häuslich weiter, zog wieder ein, als dessen Vater starb und starb selbst an einem Hörsturz. Ihr Vater war Industriearbeiter, hat 40 Jahre lang in derselben Firma Aluminiumbleche in Lauge getaucht, zeigt „Hilflosigkeit bei allem, was darüber hinausgeht“, war während der Ehe unbeherrscht und gewalttätig (aber immer nur gegen Sachen, nicht gegen Frau und Tochter), lebt nun zurückgezogen, raucht und trinkt zu viel, neigt zum Messie, weil er alles aufheben muss. Sehr hellsichtig allerdings charakterisiert er die Ehe des deutschen Arbeiters mit einer gebürtigen Türkin: „Wir werden hier unter ständiger Beobachtung stehen.“ Und diese Erfahrung prägt die Kindheit und Jugend der Tochter. Unsere Ich-Erzählerin, aufgrund von Aussehen und Vorname sofort als Nichtdeutsche identifiziert, durchlebt alle Facetten der Diskriminierung von Verächtlichmachung, Beleidigung, Tätlichkeiten auf dem Schulhof bis hin zur Ausgrenzung durch Lehrer/innen, die nicht hinhören, verstehen und fördern wollen, sondern lieber reflexhaft auf falsche grammatische Artikel reagieren und eher von zu viel Schulbildung abraten – „sie müsse ja sicher zu Hause viel helfen“. Eigentlich ein Wunder, dass ihr ein erfolgreiches Studium ebenso gelingt wie ihren Schulfreund:innen Pikka und Sophia. Die beiden bilden das rein deutsche Kontrastprogramm (und heiraten auch am Ende), sind wirkliche Freunde und frei von rassistischen Abwertungen – allerdings so frei, dass sie die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin nicht glauben können „Das bildest du dir ein“, sagte Sophia.

Das ist ja ein autobiografischer oder zumindest stark so beeinflusster Roman. Wenn auch nur ein Teil dessen stimmt, wie sich die Lehrkräfte verhalten – also etwa Ende der 1990er, Anfang der 200er Jahre, dann fall ich vom Glauben ab, dass ein solcher „Herr Kaiser“ noch sanktionsfrei an hessischen Schulen unterrichten können sollte. Aber man muss es wohl ernst nehmen – dieses lähmende (und zum Teil unsichtbare) Gift der Diskriminierung: „Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“ Die Geschichte dieses klugen, aber stillen, dieses beharrlichen, aber schüchternen Mädchens zeigt, wie schwer die doppelte Last (sog. Migrationshintergrund und Arbeiterkind) den eigenen selbstbestimmten Weg hemmt. Atmosphärisch sehr dicht, geradezu mit allen Sinnen spürbar, setzt Deniz Ohde die Geschehnisse, die Wohnungen, die Klassenzimmer, das Milieu in Szene. Man sieht Bilder und versteht – und bewundert die Protagonistin. Jedoch öfters waren mir die Reihungen der Erinnerung zu assoziativ (huch, wovon und von wem ist nun die Rede?) und hinderten das Leseverständnis. Aber lesen muss man diesen instruktiven Roman unbedingt.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Suhrkamp, Berlin
Jahr: 2020
Seiten: 284
Rezension von HK am 26.05.2021

Juan S. Guse

Juan S. Guse: Miami Punk

Der Atlantik hat sich urplötzlich zurückgezogen; seitdem liegt zwischen Miami und den Bahamas eine riesige gebirgige Wüste. Miami selbst ist wirtschaftlich am Boden; Ordnungsstrukturen haben sich partiell aufgelöst und Alligatoren treiben sich so vermehrt im Stadtgebiet herum, dass es spezielle Ringer-Vereine gibt, die die Reptilien bekämpfen und niederringen. Robin arbeitet (unterfordert) in der IT-Abteilung der Life-Science-Firma Nowak, spielt abends online Kampfspiele, programmiert ein Computerspiel „Das Elend der Welt“, das interaktiv die Biografie der User integrieren soll, und hängt am Wochenende mit Ihrer Liebespartnerin Daria ab, die in einer Behörde „55“ arbeitet, die erforschen soll, was in Miami gesellschaftlich seit dem Verschwinden des Meeres warum passiert. Im Fokus steht dabei der „Kongress“, der permanent in verschiedenen Ebenen des Rowdy Yates Komplexes (einer riesigen Wohnanlage – fast Stadt in der Stadt – mit 7 Wohntürmen) tagt. Der Kongress ist ein vielgestaltiges offenes Forum für alle Teilnehmenden und alle Themen zur Situation in Miami und überhaupt und zu Zukunftsperspektiven, wird allerdings von den Behörden als subversiv und esoterisch misstrauisch beäugt und ausspioniert. Robins Cousin Lint engagiert sich dort und nabelt sich von seiner Familie ab, zumal dort die Konflikte zwischen seiner Mutter Norma und Vater Loyd eskalieren. Dieser fährt jeden Morgen pünktlich zur Arbeit in den Hafen, obwohl er schon lange keine Arbeit mehr hat. Dann gibt es noch „Pilger“, die in die Wüste (des ehemaligen Meeres) ziehen, aber von der Küstenwache aufgehalten werden. Weiterhin auch Todesschwadronen, die Wohnkolonien ehemaliger Triebtäter angreifen. Und schließlich eine Gruppe junger Deutscher, die zum letzten großen Turnier von Counterstrike 1.6., das in Miami ausgetragen wird, anreisen. Diese Geschichte ist eine parallele Handlung, die von einem Ich-Erzähler berichtet wird.

Wobei Handlung in diesem über 600 Seiten starken Buch eher rudimentär zu verstehen ist. Eher als Panoptikum von Alltagsszenen und (vorwiegend negativen) Befindlichkeiten der Protagonist:innen. Ergänzt durch Berichte vom CS-Tournier und von Tagebuch-Auszügen eines „Pilgers“ sowie einigen Kapiteln ohne Leerzeichen und Absätze zwischen den Wörtern (die ich überschlagen habe). Das alles hat in schöner Übereinstimmung von Form und Inhalt ziemliches dystopisches Potenzial. Dennoch – bei aller Auflösung physikalischer, gesellschaftlicher, psychischer Realität und auch Abwanderung in die digitale – da ist mir zu viel „Schlaf“ und passives Erleben und zu wenig treibende Spannung in den Menschen, zwischen den Menschen und zwischen Menschen und der Welt. Kein Vergleich mit José Saramago (den das begeisterte Feuilleton m.E. qualitativ zu Unrecht herstellt). Nur der Hinweis der Schenkenden, dieses Buch hätte noch nie jemand zu Ende gelesen, hat mich vom Abbruch abgehalten.

Land: Deutschland
Genre: Roman
Verlag: Fischer, Frankfurt
Jahr: 2019
Seiten: 640
Rezension von HK am 05.05.2021